Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit: Was die Forschung zeigt — und was das für die Schweiz bedeutet

6 mars 2026
Kürzungen in der Entwicklungszusammenarbeit: Was die Forschung zeigt — und was das für die Schweiz bedeutet

Mehrere neue Studien erlauben es, die Kosten von ODA-Kürzungen erstmals in konkreten Zahlen zu beziffern. Eine Lancet-Studie schätzt zusätzliche Todesfälle in Millionenhöhe unter den aktuellen Kürzungsszenarien. Neue Konfliktforschung verknüpft den Stopp der USAID-Zahlungen direkt mit der zunehmenden Gewalt in Afrika. Beide Befunde sind für die Schweiz relevant, deren Entwicklungszusammenarbeit auf Gesundheit sowie fragile und konfliktbetroffene Staaten konzentriert ist. Die Befunde liefern gewichtige Argumente dafür, diese Mittel zu schützen.

 

Die öffentliche Entwicklungszusammenarbeit steht unter anhaltendem Druck. Innerhalb der OECD droht die ODA allein 2025 um bis zu 17 Prozent zu sinken — nach einem Rückgang von 9 Prozent im Jahr 2024 —, wie OECD-Projektionen zeigen. Für 2026 werden weitere Kürzungen erwartet. Eine Reihe neuer Studien erlaubt nun eine Einschätzung der Folgen. Dieser Beitrag fasst die Erkenntnisse zu den gesundheitlichen und konfliktbezogenen Auswirkungen von Hilfskürzungen zusammen und zieht Schlüsse für die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit.

ODA rettet Leben — und wir können inzwischen messen, wie viele

Eine im Februar 2026 in The Lancet Global Health publizierte Studie von Rasella et al. bietet die bisher umfassendste Auswertung der gesundheitlichen Wirkung von ODA. Auf Grundlage von Längsschnittdaten aus 93 Niedrig- und Mitteleinkommensländern für den Zeitraum 2002 bis 2021 zeigt die Studie, dass hohe Pro-Kopf-ODA mit einer Rückgang der Gesamtsterblichkeit um 23 Prozent und der Kindersterblichkeit um 39 Prozent einherging. Die grössten Effekte wurden bei HIV/Aids (70%), Malaria (56%), vernachlässigten Tropenkrankheiten (54%) und Unterernährung (56%) verzeichnet — Zahlen, die über zwei Jahrzehnte und Dutzende von Ländern hinweg Millionen von Menschenleben repräsentieren.

Die Studie erstellt auch Projektionen für die Zukunft. Im Szenario massiver Kürzungen — bei dem die ODA ab 2026 auf ein Minimum fällt — schätzen die Modelle bis 2030 rund 22,6 Millionen zusätzliche Todesfälle, davon 5,4 Millionen Kinder unter fünf Jahren. Selbst eine moderate Fortsetzung des aktuellen Abwärtstrends impliziert 9,4 Millionen Mehrtodesfälle im selben Zeitraum. Diese Projektionen stützen sich auf zwanzig Jahre retrospektiver Daten, und obschon sie mit Unsicherheiten behaftet sind, steht die Richtung des Effekts ausser Frage.

Rückzug aus der Entwicklungszusammenarbeit befördert Konflikte

Tan, Amarasinghe und Ubilava (2026) nutzen den abrupten Stopp der USAID-Zahlungen im Januar 2025 als natürliches Experiment und vergleichen Konfliktentwicklungen in stark hilfsabhängigen afrikanischen Ländern mit weniger exponierten. Sie stellen einen Anstieg bewaffneter Konflikte zwischen organisierten Gruppen um 12 Prozent in den Monaten nach dem Stopp fest sowie einen verzögerten Anstieg der von Milizen verübten Gewalt gegen die Zivilbevölkerung um 10 bis 14 Prozent. Eine anschliessende CGD-Analyse von Lee Crawfurd erweiterte den Datensatz bis Ende 2025 und kam zu gleichlautenden Ergebnissen: Die Kürzungen haben schätzungsweise rund 1000 zusätzliche konfliktbedingte Todesfälle verursacht. In beiden Analysen konzentrieren sich die Effekte auf Länder mit schwacher staatlicher Kapazität — genau jene Kontexte, in denen die schweizerische Entwicklungszusammenarbeit besonders aktiv ist.

Diese Befunde decken sich mit dem breiteren Forschungsstand, den ein IDOS-Policybriefing von Fiedler et al. aus dem Jahr 2026 zusammenfasst. Das Briefing kommt zum Schluss, dass abrupte Hilfskürzungen nachweislich konfliktfördernd wirken. Der Mechanismus ist gut verstanden: Der Rückzug aus der Entwicklungszusammenarbeit schwächt staatliche Strukturen gegenüber bewaffneten Gruppen, senkt die Opportunitätskosten des Beitritts zu ihnen und lässt die informellen Arrangements kollabieren, die bisher den Konflikt in Schach gehalten hatten.

Was das für die Schweiz bedeutet

Die Schweiz gehört zu den Gebern, die Kürzungen angekündigt haben. Die oben zitierten Studien liefern den politischen Entscheidungsträgern etwas, das selten ist: konkrete, methodisch solide Zahlen dazu, was Kürzungen tatsächlich kosten. Die Lancet-Studie stützt sich auf 20 Jahre Daten aus 93 Ländern; die Konfliktbefunde basieren auf einem natürlichen Experiment mit klarer Identifikationsstrategie. Beide sprechen gegen Kürzungen der ODA — besonders dort, wo die Evidenzlage so belastbar ist wie in den hier besprochenen Studien.

Ein aktueller Bericht des Kiel Instituts zur interessengeleiteten Entwicklungszusammenarbeit schärft das Argument weiter. Die These: Entwicklungszusammenarbeit bleibt politisch tragfähig, wenn sie auf beiden Seiten messbare Rückflüsse erzeugt — für die Bevölkerung in Empfängerländern ebenso wie für die Gebergesellschaften. Gemessen an diesem Massstab überzeugen Gesundheit sowie Frieden und Governance klar. Gesundheits-ODA mindert Pandemierisiken, die die Schweiz unmittelbar betreffen, stärkt wirtschaftliche Stabilität in Partnermärkten und schafft ein Umfeld, in dem Investitionen der schweizerischen Pharma- und Gesundheitsindustrie Erträge erzielen können. Ausgaben für Frieden und Governance in fragilen Staaten verringern Fluchtbewegungen und humanitäre Krisen, die Geberländer anderenfalls zu einem späteren Zeitpunkt zu weit höheren Kosten selbst tragen müssen. Kürzungen in diesen Bereichen verschieben Kosten — sie beseitigen sie nicht.

Gesundheit ist ein neuer Schwerpunkt in der IZA-Strategie 2025–2028, und Frieden und Governance gehören seit Langem zu den Prioritäten der Schweiz. Die hier präsentierten Befunde veranschaulichen, was ODA bei gezieltem Einsatz zu leisten vermag — in Menschenleben, in Stabilität und in Rückflüssen, die Geberländer ebenso wie Empfängerländer erreichen. Das ist eine solide Grundlage, auf der sich das Budget verteidigen lässt.

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